(Bild: Christian Frei)
Am letzten Mittwoch der Herbstsession, 30. September, lädt die IG Genuss zum Sessionsanlass ins Restaurant Williams Butchers Table an der Gurtengasse in Bern. Auf dem Programm steht “ein stimmungsvoller Rahmen, ehrliche, hochwertige Speisen gepaart mit einer unverbindlichen Quartier-Atmosphäre”. Ein saftiges Stück Fleisch, guter Rotwein und Parlamentsmitglieder als Gäste. Hinter dem Anlass steckt aber weder die Fleisch- noch die Weinindustrie, sondern Tiktok.
Die IG Genuss ist ein Lobbyvehikel der Paxedra AG, einer Beratungsagentur des ehemaligen SVP-Nationalrats Sebastian Frehner. Das Businessmodell der IG Genuss ist simpel: Zu jeder Session lädt sie zum exquisiten Dinner in den Butchers Table. Sie sorgen sich nämlich um das leibliche Wohl der Parlamentsmitglieder, wie sie in der Einladung schreiben, die Lobbywatch vorliegt: «Uns ist es ein Anliegen, nach anstrengenden Sessionstagen dem Genuss genügend Zeit einzuräumen.» Was die Agentur nicht explizit schreibt: Gutes Essen, teurer Wein und eine entspannte Atmosphäre bieten beste Voraussetzungen für informelles Lobbying. Und so werden die Anlässe in Partnerschaft mit wechselnden Firmen und Konzernen durchgeführt. Bei dieser Ausgabe steht TikTok im Zentrum und deren Chef-Lobbyist für Schweiz und Österreich, Andreas Hinterberger, hält einen Vortrag.
Drei Wochen, vierzig Anlässe
Lobbywatch hat die Einladungen ausgewertet, die während der Herbstsession 2026 an Parlamentsmitglieder verschickt wurden. Das Ergebnis: In drei Sessionswochen finden über vierzig Lobby-Events statt — meist inklusive Frühstück, Mittagessen, Apéros, Abendessen oder Cocktail-Bars. Die Palette reicht von der Ärztegesellschaft des Kantons Bern über die Zementindustrie bis zur Botschaft Frankreichs. Es geht ums Geschäft und ums Networking.
Wir haben die Events in einer Timeline aufbereitet:
Einladungen an Parlamentarierinnen und Parlamentarier — September 2026
Die Anlässe variieren in Form und Absicht. Manche sind transparent: Man will zu einem spezifischen Geschäft informieren, lädt gezielt Kommissionsmitglieder ein und nennt die eigenen Interessen beim Namen. Andere sind informeller und laden zum Abendessen, Apéro oder Grillabend ein, ohne dass dabei eine Agenda kommuniziert wird.
Die Pharmalobby scheut keine Mühen
Am 22. September um 18.45 Uhr lädt Interpharma, der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen, in den Salon du Palais des Hotel Bellevue Palace. Das Programm ist üppig: Zuerst ein Apéro, dann ein Grusswort von Verbandsdirektor René Buholzer, dann die Vorspeise. Während des Hauptgangs präsentiert Urs Bieri, Co-Direktor von gfs.bern, die Ergebnisse des Gesundheitsmonitors 2026 — eine Bevölkerungsbefragung, die Interpharma seit 1997 jährlich in Auftrag gibt. Zum Dessert folgen laut der Einladung, die Lobbywatch vorliegt, Infos zu einer Studie der ZHAW über die Zahlungsbereitschaft der Schweizer Bevölkerung für innovative Arzneimittel.
«Was ist uns Gesundheit wert?» heisst der Anlass. Die Frage klingt volksnah, gemeint ist wohl eher: Was darf sie uns kosten? Es ist der Kern einer Lobbystrategie, die die Profite der Pharma-Branche im Blick hat. Seit Monaten lobbyiert diese gegen eine Abgabe für besonders umsatzstarke Medikamente. Mit teilweise fragwürdigen Strategien. So drohen Roche, Novartis und Co. der Schweiz beispielsweise unverhohlen mit Verzögerungen bei der Einführung neuer Therapien oder einem schlechteren Zugang zu wichtigen Medikamenten, sollte das Bundesamt für Gesundheit nicht nachgeben. Die Botschaft lautet Geld oder Gesundheit, auch wenn sie diplomatischer verpackt wird. Das Abendessen im Bellevue Palace ist die freundliche Seite dieser Strategie. Man stellt Fragen, präsentiert Zahlen, diskutiert. Und am Ende zahlt Interpharma die Rechnung.
Die Strategie war erfolgreich: Die Gesundheitskommission des Nationalrats hat kurz vor der Herbstsession die bereits beschlossene Umsatzabgabe aufgeschoben.












