(Bild: Christian Frei)
Firmen, Verbände und Organisationen aus der Schweiz investieren zwischen 44 und 60 Millionen Euro jährlich ins Lobbying bei EU-Gremien. Die exklusive Analyse von Lobbywatch zeigt: An erster Stelle steht die Chemie-Branche mit über 7 Millionen Euro pro Jahr, dicht gefolgt von der Pharmaindustrie und den Banken.
Selbst wenn die Schweiz nicht EU-Mitglied ist: «Brüssel» bestimmt bei wichtigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen in der Schweiz massgeblich mit. Erlässt die EU neue Richtlinien zu Pestiziden, Güterverkehr oder der Sicherheit von Nahrungsmitteln, so betrifft dies auch Unternehmen, Verbände und Organisationen aus der Schweiz. Viele von ihnen beschränken deshalb ihre Lobbyaktivitäten nicht auf Bundesbern, sondern sind auch in Brüssel aktiv – und wie! Eine erstmals von Lobbywatch durchgeführte Erhebung zeigt: Hier ansässige Unternehmen und Verbände investieren jährlich gesamthaft zwischen 44 und 60 Millionen Franken, um bei der EU-Kommission ihre Sicht der Dinge einbringen zu können.
Für die Erhebung stützt sich Lobbywatch auf Daten aus dem Transparenzregister der EU, wo alle in Brüssel lobbyierenden Organisationen eingetragen sein müssen. Verlangt werden in dem Register nicht nur die für das Lobbying bei der EU-Kommission und den Generalsekretariaten aufgewendeten Beträge, sondern auch Angaben über die Anzahl Lobbyistinnen und Lobbyisten, die Anzahl vorhandene Zutrittspässe zum EU-Parlament sowie Informationen darüber, mit welchen EU-Kommissaren oder deren Mitarbeitenden sich die Lobbyisten getroffen haben. Die beiden Organisationen Corporate Europe Observatory und Lobbycontrol aggregieren diese Informationen auf der Plattform lobbyfacts.eu und stellen sie der Öffentlichkeit in einer durchsuchbaren Datenbank Verfügung.
Insgesamt sind im EU-Transparenzregister 275 Firmen und Organisationen verzeichnet, die ihren Hauptsitz in der Schweiz haben. Allein die Top 100 kommen auf Ausgaben zwischen 39 und 49 Millionen. Offenlegen müssen die Lobbys ihre Ausgaben lediglich innerhalb von bestimmten Bandbreiten.
EU-Lobbying: Branchen mit den höchsten Ausgaben
| # | Branche | Ausgaben (Mio. €) | Bandbreite |
|---|
Quelle: EU-Transparenzregister. Angaben sind Schätzungsbandbreiten der gemeldeten Lobbying-Ausgaben.
Daten: Transparenzregister (Visualisierung: Claude)
EU-Lobbying: Firmen und Organisationen mit den höchsten Ausgaben
| # | Organisation | Ausgaben (Mio. €) | Bandbreite |
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Quelle: EU-Transparenzregister. Angaben sind Schätzungsbandbreiten der gemeldeten Lobbying-Ausgaben.
Daten: Lobbyfacts.eu (Visualisierung: Claude)
EU-Lobbying Chemie: Firmen mit den höchsten Ausgaben
| # | Organisation | Ausgaben (Mio. €) | Bandbreite |
|---|
Quelle: EU-Transparenzregister. Angaben sind Schätzungsbandbreiten der gemeldeten Lobbying-Ausgaben.
Daten: Lobbyfacts.eu (Visualisierung: Claude)
EU-Lobbying Pharma: Firmen mit den höchsten Ausgaben
| # | Organisation | Ausgaben (Mio. €) | Bandbreite |
|---|
Quelle: EU-Transparenzregister. Angaben sind Schätzungsbandbreiten der gemeldeten Lobbying-Ausgaben.
Daten: Lobbyfacts.eu (Visualisierung: Claude)
EU-Lobbying Banken: Firmen mit den höchsten Ausgaben
| # | Organisation | Ausgaben (Mio. €) | Bandbreite |
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* Gemeinsame Lobbyorganisation von Credit Suisse und UBS bei der EU
Quelle: EU-Transparenzregister. Angaben sind Schätzungsbandbreiten der gemeldeten Lobbying-Ausgaben.
Daten: Lobbyfacts.eu (Visualisierung: Claude)
EU-Lobbying Umwelt: Organisationen mit den höchsten Ausgaben
| # | Organisation | Ausgaben (Mio. €) | Bandbreite |
|---|
Quelle: EU-Transparenzregister. Angaben sind Schätzungsbandbreiten der gemeldeten Lobbying-Ausgaben.
Daten: Lobbyfacts.eu (Visualisierung: Claude)
EU-Lobbying Industrie: Firmen mit den höchsten Ausgaben
| # | Organisation | Ausgaben (Mio. €) | Bandbreite |
|---|
Quelle: EU-Transparenzregister. Angaben sind Schätzungsbandbreiten der gemeldeten Lobbying-Ausgaben.
Daten: Lobbyfacts.eu (Visualisierung: Claude)
Geld allein ist nicht alles
Im Transparenzregister ist jedoch nicht nur aufgeführt, wer wie viel Geld für Lobbying ausgibt, sondern auch, welche Unternehmen oder Verbände sich wie oft mit EU-Kommissarinnen oder Mitgliedern der so genannten Generaldirektionen bei der EU treffen. Registriert werden diese Meetings seit 2014, und in der «Rangliste» tauchen plötzlich auch Unternehmen und Verbände auf, die relativ wenig Geld für Lobbying ausgeben. Hier sind die Top 10 derjenigen Schweizer Unternehmen und Organisationen, die in Brüssel auf offene Bürotüren stiessen:
Lobby-Treffen mit EU-Vertretern nach Branche (seit 2014)
| # | Branche | Anzahl Treffen | Anteil |
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Quelle: EU-Transparenzregister. Erfasste Treffen zwischen Schweizer Lobbyisten und EU-Kommissionsvertretern seit 2014.
Daten: Lobbyfacts.eu (Visualisierung: Claude)
Lobby-Treffen mit EU-Vertretern: Unternehmen und Organisationen (seit 2014)
| # | Organisation | Anzahl Treffen | Anteil |
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Quelle: EU-Transparenzregister. Erfasste Treffen zwischen Schweizer Lobbyisten und EU-Kommissionsvertretern seit 2014.
Daten: Lobbyfacts.eu (Visualisierung: Claude)
Auffallend ist in dieser Rangliste vor allem die UEFA. Mit einem Lobby-Budget von ledigllich 100’000 Euro schafft es der europäische Fussballverband, regelmässig Termine bei hochrangigen EU-Vertretern zu bekommen. Offene Türen findet auch das World Economic Forum (WEF), und zwar ganz besonders seit Beginn der Pandemie: 27 der 28 seit 2014 registrierte Treffen fanden im Jahr 2020 statt.
Auch die Schweiz braucht ein Transparenzregister
Zwar mögen die Themen und Fragestellungen in Brüssel und in Bern nur zum Teil identisch sein, und auch die eingesetzten finanziellen Mittel dürften beim Lobbying in der EU wesentlich höher sein. Die erstmals durchgeführte Auswertung von Lobbywatch zeigt jedoch deutlich, welche Branchen und Unternehmen über die grössten Budgets für Lobbyarbeit verfügen. Wenn in der Auswertung Branchen und Unternehmen fehlen – etwa aus der Tech-Branche –, dann bedeutet dies nicht, dass diese in der EU keine Lobbyarbeit betreiben, sondern lediglich, dass sie ihren Hauptsitz nicht in der Schweiz haben.
Das EU-Register zeigt aber auch, dass mehr Transparenz auch in der Schweiz zwingend notwendig ist. Dies nicht nur bei Politikerinnen und Politikern (wo Lobbywatch nach der Ablehnung eines Lobbyistenregisters durch die eidgenössischen Räte als einzige Instanz für Transparenz sorgt), sondern auch bei der Bundesverwaltung. Ein Transparenzregister, welches Lobbyaktivitäten in der Bundesverwaltung und die dafür eingesetzten finanziellen Mittel dokumentiert, wäre aus Sicht von Lobbywatch ein wichtiger Schritt hin zu einer transparenteren und demokratisch legitimierten Verwaltung.












