Regula Stämpfli: «Die Bauernlobby ist unschlagbar»

«Weiter wie bisher!», ist der Rat der Politologin Regula Stämpfli an Lobbywatch. Sie weiss, wo die richtigen Lobbyisten sitzen und hat eine Zusatzaufgabe für uns.

Frau Stämpfli, wir zählen im Moment 251 männliche und nur 88 weibliche Gäste von Parlamentsmitgliedern. Sind Frauen einfach die schlechteren Lobbyistinnen als Männer?

Im Gegenteil! Im EU-Parlament werden vorwiegend junge, attraktive Frauen von Pharma, Banken, Ölkonzernen, Plastikherstellern als Lobbyistinnen eingesetzt und sie sind – leider – enorm erfolgreich. In der Schweiz sind generell kaum Frauen in wichtigen Positionen. Vergessen Sie nie: Männer und Frauen trauen Frauen generell weniger zu – grad im deutschsprachigen Raum. Das ist in der Romandie und Frankreich anders. Zudem ist bei uns die Bauernlobby unschlagbar, nicht wahr? Die ist eh fast ausschliessliche Männerbastion.

Für Wirtschaftsverbände und Unternehmen lobbyieren nach unseren Erkenntnissen primär Männer, Frauen sind eher für Organisationen aus dem Sozial- und Umweltbereich aktiv. Stecken auch Lobbyisten in klassischen Rollenbilden fest?

Absolut. Was Expertentum, Medien und Universitäten betrifft, herrscht in der Schweiz der Triumph der Geschlechtertrennung. Andererseits zeigt Ihre Statistik aber auch, dass Frauen, trotz neoliberaler Revolution der letzten 20 Jahre, immer noch sozialer, ökologischer und demokratischer politisieren als Männer. Insofern ist das nicht nur eine schlechte sexistische Nachricht (lacht).

Sie sind bekannt, eloquent und bestens vernetzt. Ganz ehrlich: Würde Sie ein Lobbymandat nicht reizen?

Selbstverständlich, und in Brüssel war ich auch sehr erfolgreich. So trägt die Europäische Bürgerinitiative meinen Namen und Konzept, und so konnte die europäische Privatisierung des Wassers verhindert werden.

Für wen würden Sie denn gern in der Wandelhalle aktiv werden?

Reizen würde mich jedes Mandat der Landwirtschaft, der Finanzbranche und von digitalen Unternehmen und ja klar: fIch würde gern für den Bauernverband lobbyieren. Denn Lobbying hat immer zwei Wirkungen: Eine gegen aussen, aber auch eine gegen innen. Da sind grosse Gestaltungsräume, die aber nur von ganz wenigen wahrgenommen werden.

Lobbywatch will ja seine Daten visualisieren, so dass man auf einen Blick Lobbyverbindungen von Parlamentsmitgliedern und Gästen erkennen kann. Welche Person oder Lobbygruppen werden Sie als erstes anschauen?

Machen Sie weiter wie bisher: Lobbywatch ist super! Einen Tipp und eine Zusatzaufgabe möchte ich Ihnen aber geben: Nehmen Sie noch mehr nicht nur die klassischen Lobbyisten unter die Lupe, sondern auch die Expertenkommissionen und Beratungsgremien. Da stossen Sie auf Zusammenhänge, die Sie lieber nicht wissen möchten. Denn da sitzen die Einflussreichen, die nach wie vor Politik und Karrieren bestimmen und unter sich die öffentlichen Gelder verteilen. Deshalb stelle ich auch Ihnen die Frage: Wie mutig sind Sie, das Thema Interessengruppen, das eherne Gesetz der Eliten, wirklich zu untersuchen?

Regula Stämpfli ist Dr.phil/Dipl.Coach, Politologin, Dozentin, Autorin siehe www.regulastaempfli.eu

Transparenz ist nicht gratis. Lobbywatch.ch arbeitet derzeit an einer völlig neuen Darstellung von Interessenverstrickungen in der Politik. Wir wollen auf einen Blick ersichtlich machen, welche Politiker am Gängelband welcher Lobbygruppe hängt und welche Branche über welche Kanäle mit dem Bundeshaus verbunden sind. Für diese Visualisierung fehlen uns 15‘000 Franken. Deshalb haben wir auf wemakeit.com eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Helfen Sie mit und sorgen Sie mit Ihrer Spende für mehr Transparenz.

Bereits erschienen: Eric Martin: «Wir brauchen ein Lobbyistenregister» (6.2.2017)

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